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Marktplatzgeflüster September ’25: Frühjahr, Sommer, Herbst und Verwirrung

Evas bunte Welt…

Evas bunte Welt… „Der Sommer ist vorbei“ oder „Ja, da muss man jetzt wieder den Zwiebellook auspacken“ – diese Aussagen sind in den letzten Wochen oft über den Marktplatz gerollt. Es scheint so, als würde sich bei den Altdorfern alles um das Achterbahnwetter drehen und die ganze Stadt in Verwirrung stürzen. Mein Gesicht, ja mein ganzer Körper, will jeden Sonnenstrahl des abflachenden Sommers nochmal aufsaugen – es könnte ja jeder der letzte sein. Ich habe diesen Sommer so ausgekostet, war so viel draußen, habe die Natur, die Sonne, die Blumen, das Miteinander und das Marktplatzgeflüster so sehr genossen. Jetzt fühlt sich jeder Sonnenstrahl so an, als würde mein Körper wissen, was auf ihn wartet: Finsternis. 

Frühmorgens, wenn ich den Rollo hochmache und mir das triste Wetter die Zunge entgegenstreckt, muss ich mir die Sonne im Herzen schon ganz schön bewusst herausholen. Lustig wird es dann, wenn ich vor dem Schrank stehe: absolut keine Ahnung, was ich denn bei dem Wetter anziehen soll. Mir dann traurig, aber vernünftig einen warmen Pullover überziehe, die Zähne putze – und mir dann auf einmal die Sonne wie aus dem Nichts durchs Fenster „Hallo“ sagt, sodass ich mich doch für etwas Luftigeres entscheide. Zum Schluss noch zur Schuhwahl. Ja, welche denn? Zu kalt für offene, zu warm für Boots. Sneakers gehen immer. Fertig für den Tag werfe ich mir meine Tasche über, öffne die Haustüre und der Regen weht mir erst einmal schön die frisch gestylten Haare durchs Gesicht. Ich wieder auf dem Weg nach oben, um mir meine rote Regenjacke zu holen. Das Spiel wird dann natürlich den ganzen Tag weitergespielt. Angefangen bei der Kleidungswahl am Morgen – noch mutig und optimistisch die Sonnenbrille eingepackt – wünscht man sich tagsüber dann doch den Wintermantel und im nächsten Moment den Regenschirm herbei. In einem Moment hat man noch die Sonnenstrahlen im Gesicht, im nächsten rennt man, bei dem Versuch, sich nicht vom orkanähnlichen Wind davontragen zu lassen, über den verregneten Marktplatz in Richtung Trockenheit. Zwischendrin bleibt man, egal was man tut, stehen, hält inne, weil einen die Sonne dann doch ganz kurz küsst. 

Schaue ich mir die Menschen um mich herum an, kann man alles beobachten: kurze Hose, gelber Regenmantel, Winterboots, die einen beim Eisessen, die anderen schlürfen schon Glühwein – totale Verwirrung vorprogrammiert. Eine ganze Stadt liegt im Chaos.

Verwirrung ist hier ein gutes Stichwort. Ich habe doch tatsächlich vor ein paar Tagen im Geschäft einer Kundin meinen ersten Verweis auf das kommende Weihnachten und ein passendes Weihnachtsgeschenk gemacht. Die Worte „Das wäre doch ein tolles Weihnachtsgeschenk“ waren kaum aus meinem Mund herausgesprungen, fühlte es sich so an, als würden Wham samt Winterkleidung, Glühwein und Plätzchen bereits ums Eck stehen. Das im September! Der Moment war fast so schlimm wie die bald auf uns wartenden Lebkuchen im Regal. 

Versteht mich nicht falsch: Ich habe nichts gegen Wham, Lebkuchen und Glühwein, ganz im Gegenteil. Nur noch nicht jetzt. Ich musste feststellen, dass die Wetterlage mich sehr verwirrte. Wo ich doch eigentlich ein Wind-und-Wetter-Mensch bin, aber das aktuell ist schon was. Normalerweise liebe ich es, wenn es zu regnen beginnt und alle um mich herum das Rennen anfangen, ich normal weiterlaufe, was sich dann so anfühlt, als würde ich in Slow-Motion unterwegs sein. Naja, ich schweife ab. Der aktuelle extreme Wetterwechsel nervt nicht nur die Einzelhändler, die Landwirte und die Gastronomen, sondern gefühlt uns alle. So hat es zumindest den Anschein. Die Menschen sind genervt und verwirrt vom Wetter, als gäbe es kein anderes Thema mehr. Und mit jedem Kommentar, der mir hierüber begegnete, schwang immer eine trübe Stimmung mit sich. Als würden wir alle auf ein Riesenfiasko zurasen. 

Eine Freundin, die vehement gegen den Sommerverlust ankämpft, hat neulich zu mir gesagt, dass sie den Herbst eigentlich schon total mag, ihn nur deswegen nicht ausstehen könne, weil ja danach der Winter kommen würde. Aha, der Winter, der ist also das Problem, wovor wir uns alle fürchten.

Ich bin ein großer Fan unserer Fantasie und ließ mich daher auf ein Experiment ein. Ich wollte dem ganzen Jahreszeitenwirrwarr einen Streich spielen. So setzte ich mich an den Marktplatz vor die Wasserspiele. Es war bereits dunkel, das Wetter trüb, meine Kleidungswahl ein Ensemble aus Sommer, Herbst und Winter. Ich packte meine Kopfhörer aus und schaltete die Musik ein. Es sollte Wham – Last Christmas in Dauerschleife sein. Ich wollte die ganze Verwirrung des Wetters austricksen und mir den furchteinflößenden Winter herbeiholen. Mal sehen, was passiert. Nachdem mein Körper den kurzen Schockmoment verdaut hatte, dachte ich darüber nach, ob es denn wirklich stimmte, dass gerade alle nur noch über das Wetter redeten und schimpften. Ich versuchte mir die Gespräche, die ich in den letzten Wochen geführt hatte, noch einmal vor Augen zu führen und musste feststellen, dass zwischen den Wetteraussagen, viele neben dem üblichen Alltagswahnsinn über dies und jenes in ihrem Leben unzufrieden waren und jeder so seinen Kampf kämpft. Der uns verlassende Sommer dem Ganzen dann aber noch den Garaus gab. Umso mehr ich darüber nachdachte, fiel mir auf, dass viele nicht unbedingt das Wetter an sich bemängelten, sondern eher die damit einhergehende Stimmung. Ich klickte auf Repeat und George Michael trällerte von Neuem los. Was genau ist es denn eigentlich, was den Winter, die kältere Jahreszeit, ausmacht? Naja gut, so schöne weiße Winter und weiße Weihnachten haben wir nicht mehr wirklich. Kalt und nass ist es oft und der Marktplatz ist meistens menschenleer noch dazu: keine Sommerkleider! Hört sich alles nicht so berauschend an. Geschweige denn die fehlende Sonne, die uns viel zu früh ins Dunkel des Tages hinübergleiten lässt. Da kann ich schon verstehen, mich eingeschlossen, dass es einem schwerfällt, den belebten warmen Sommer loszulassen. Es ist schon erstaunlich, was es ausmacht, wenn die Sonne auf unser schönes Altdorf strahlt, wie sie den Marktplatz belebt und Licht und Wärme bringt. Jetzt werden die Tage, an denen nur noch die ganz Harten abends draußen sitzen, immer mehr und das Leben am Marktplatz immer weniger. Da kann man schon verstehen, dass ein jeder so genervt ist und sich nicht unbedingt auf das Kommende freut. Aber, so wie Weihnachten alle Jahre wiederkommt, kommt ja auch der Sommer wieder. Ich will jetzt gar nicht so lange beim Jahreszeitenwechsel verharren. Vielmehr ist es das Gefühl, welches ich bei vielen bemerkt habe. Die Trauer um das wärmende Sonnenlicht, welches natürlich durch einen belebten Marktplatz verstärkt wird. Und da ist genau der Punkt. Es ist nicht nur die Sonne, welche unsere Körper und Geister belebt, es sind ja auch wir Menschen. Immer wieder merke ich, was wir uns gegenseitig für großartige Inspiration sein können. Mit ehrlichen Worten, einer guten Geschichte, einer liebevollen Alltagsgeste, einem Lächeln, einer Einladung zum Essen, einem tiefen Gespräch bei einer Tasse Tee oder einem Spieleabend in geselliger Runde im Pub. Wir alle bringen eine gewisse Wärme mit uns.

Ich habe letztens ein Video gesehen, welches ich mit Entzücken angeschaut habe. Ein Mann filmte sich dabei, wie er beim Spazierengehen Fremden die Hand reichte. Sie zögerten erst, gaben sie ihm dann aber doch. Diese wurde nicht wie zu erwarten geschüttelt, sondern der Mann ließ die anderen eine Tanzdrehung machen. Jedem hat dies ein Lächeln ins Gesicht gezaubert. Das ganze Video war mit der Überschrift geprägt: „What if life were made of little smiles?“ Ich fand das absolut charmant und bezaubernd. Und recht hat er. Lasst uns gemeinsam den Jahreszeiten trotzen, dem Winter frech entgegenlächeln und den Sommer noch weiter in unseren Herzen strahlen. 

Während ich den Satz beendete, bin ich von den feinen Schneeflocken, welche auf mich herabrieselten, total erschrocken. Für eine Millisekunde glaubte ich der einsetzende Nieselregen sei Schnee. Da hat mich Wham und das ganze Nachdenken über den Winter ganz schön reingelegt. Vor lauter Winterblues möchte ich den Herbst natürlich nicht übergehen. Denn der kommende Monat ist ja bekanntlich der goldene Oktober. Ich beschloss, es für heute gut sein zulassen und wollte Last Christmas nochmal in die Zukunft verbannen. Auf meinem Handy schlug mir Spotify eine Playlist vor: Summervibes 2025

Hmm, vielleicht ist der Sommer ja noch nicht ganz vorbei. Ich packe meine Sommerkleider mal lieber noch nicht weg und höre mir Here comes the sun von den Beatles an. ☺

Post Scriptum:
Nach 15-maligen Last Christmas in Dauerschleife war es auf einmal gar nicht mehr so schockierend. Vielmehr konnte ich die Wärme des Kaminfeuers, den Duft von Glühwein und Plätzchen fast riechen und sah mich versammelt mit Freunden bei einem schönen Spieleabend eingekuschelt daheimsitzen. Eigentlich gar nicht so übel.

Post Scriptum 2:
Eigentlich hatte ich für den September eine andere Kolumne geplant. Eine neue Information ließ mich nochmal in die Recherche gehen, sodass ich mich kurzerhand entschloss, heute über etwas anderes zu schreiben. Seit gespannt, am Ende des goldenen Oktobers wartet „Der goldene Mann“ auf euch.


Eva Mikeska lebt in der Stadt, die sie liebt: in Altdorf b. Nürnberg. Außerdem liebt sie das Schreiben und das Lesen und veröffentlicht hier großartigerweise ihre Kolumne Marktplatzgeflüster.

Ihr erreicht sie bei Ideen, Anregungen und Fragen unter hallo@evamikeska.de und bei Instagram.

Eva Mikeska
Eva Mikeska (Foto: Antje Wiech)

Ein Kommentar

  1. Sandra Mayer Sandra Mayer 29. November 2025

    Herrlich – schon lange nicht mehr so charmantes und fröhliches Geplauder über meine ex Heimatstadt gelesen. Auch der nahende Winter hat seine kalten Klauen und Finsternis verloren und selbst das bevorstehende Weihnachten erscheint im freundlich hellem Lichterglanz.Danke.

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