Der Wohnraum in Altdorf ist knapp und teuer. Das gilt für kleine und große Familien, für Senioren und für Alleinstehende und besonders auch für sozial schwächere Familien. Der Verkehr und die Parkplatzknappheit in der Innenstadt werden immer mehr. Energiekosten und Mobilitätskosten steigen und steigen. Und der Klimawandel hat immer größeren Einfluss auf unser Leben.

Das freie Gebiet im Altdorfer Norden, für das aktuell ein Bebauungsplan erstellt wird, bietet uns die Möglichkeit, auf all diese Herausforderungen gleichzeitig einzugehen. Wir sollten dafür die Chance nutzen, hier nicht ein weiteres konventionelles Wohngebiet zu planen, sondern weiter und neu zu denken. Ein Vorbild könnte z.B. das Freiburger Stadtviertel Vauban sein (siehe Titelfoto).

Durch die Nähe zur S-Bahn und zur Innenstadt könnten wir dort ein Viertel planen, das zumindest teilweise autofrei ist. Zahlreiche Beispiele in Deutschland zeigen, wie hoch die Lebensqualität in solchen Vierteln ist. Die Straßen sind für Autos nur zum Be- und Entladen gedacht, es gibt keine Stellplätze und Garagen direkt am Haus, sondern zentrale Parkflächen. Ein oder zwei Parkhäuser (idealerweise mit Photovoltaik-Dächern) sorgen dafür, dass die stehenden Fahrzeuge aus dem Lebensraum verschwinden. Straßen werden dadurch kleiner, sicherer, grüner und versiegeln damit erheblich weniger Fläche. Auch die Erschließungskosten sinken deutlich. Die Flächen zwischen den Häusern können damit besser als gemeinschaftliche Lebensräume genutzt werden und sind ökologischer und sicherer insbes. für Kinder und Senioren.

Durch die Nutzung der Wege und Straßen mit Grünflächen verringert sich gleichzeitig der Bedarf an privaten Gartenflächen. Eine höhere Verdichtung der Bebauung wird damit möglich. Dies führt wiederrum zu niedrigeren Baukosten und vor allem auch zu niedrigeren Heizkosten und verringert den Flächenverbrauch pro Einwohner.

Um leichter auf den Stellplatz für das eigene Auto direkt vor der Haustür verzichten zu können, müssen aber natürlich weitere Voraussetzungen geschaffen werden. Gemeinschaftliche genutzte Räume und Freiflächen müssen fußläufig erreichbar sein. Ein kleines Zentrum mit Grünfläche, Spielplatz, Stadteilladen/Bäcker und Café, Kindergarten und Seniorenwohnungen erspart viele Wege, die sonst mit dem Auto zurückgelegt werden müssen. Ein Gemeinschaftsgebäude/-raum mit Coworking-Arbeitsplätzen und einem Besprechungsraum, der abends auch mal für kleine Veranstaltungen genutzt werden kann, erspart weitere viele Wege und Zeit. Dadurch sinken Wegekosten und Verkehrsemissionen. Radfahrer und Fußgänger sind durch den fehlenden Autoverkehr sicherer, besonders Kinder und ältere Menschen. Die Summe dieser Maßnahmen und die Nähe zur S-Bahn macht es leichter, auf die eigene Garage am Haus zu verzichten und evtl. auch wenigstens das Zweitauto einzusparen. Mit einer Car-Sharing-Station im Parkhaus können bestimmt einige Menschen komplett aufs eigene Fahrzeug verzichten. Die Technologie wird in den kommenden Jahrzehnten diese Entwicklung sowieso vorantreiben.

Der Verzicht auf die Bodenversiegelung durch breite Straßen, Stellplätze und Garagen erleichtert außerdem die Entwässerung von Regenwasser, gerade im Altdorfer Norden ist das ein wichtiger Vorteil. In Kombination mit extensiv begrünten Dächern können hier Einsparungen von bis zu 80% erreicht werden. Gründächer nehmen große Wassermengen schnell auf und geben sie langsam wieder ab. Sie sind eine natürliche Wärmeisolierung und sorgen für ein besseres Mikroklima vor Ort. Bei großer Hitze senken sie die Umgebungstemperatur und sie speichern erhebliche Mengen an CO2. Natürlich sind sie auch ein Lebensraum für viele Pflanzen und Insekten. Beim Bau entstehen dadurch zwar höhere Kosten, aber langfristig sind durch geringeren Energieverbrauch und den Ausgleich der Flächenversiegelung die Gesamtkosten eher niedriger als bei konventionellen Dächern. Es gibt deswegen auch immer mehr Förderprogramme, die das unterstützen. Auch die Stadt Altdorf könnte diese Maßnahme fördern.

Durch die grünere und ruhigere Umgebung und gemeinschaftlich genutzte Räume und Außenflächen ist eine hohe Lebensqualität auch bei kleineren Wohn- und Gartenflächen möglich. Die dadurch mögliche größere Verdichtung führt zu deutlich geringeren Energiekosten und erspart möglicherweise die Ausweisung und Versiegelung weiterer Flächen am Ortsrand.

Konkret nötig dafür wäre ein entsprechender Bebauungsplan, alle notwendigen Maßnahmen könnten damit festgelegt werden. Grundsätzlich ist aber auch ein (zumindest teilweiser) Kauf des Gebiets und die Entwicklung durch die Stadt bzw. eine zu gründende städtische Wohnbaugesellschaft denkbar, selbst wenn diese sehr hohe Preise für die Grundstücke zahlen müsste. Gebaut werden sollten ausschließlich Mehrfamilienhäuser und Reihenhäuser („Stadthäuser“?), um eine bessere Ausnutzung der Fläche und niedrigere Kosten zu erreichen. Niedrigenergiebauweise sollte vorgeschrieben werden. Die Wärmeversorgung sollte durch ein zentrales Blockheizkraftwerk erfolgen. Auch das Bauprojekt der Lebenshilfe für beeinträchtigte Senioren könnte in diesem Viertel einen Platz finden.

In Altdorf könnte so ein neues Viertel entstehen, das gleichzeitig urban, ökologisch und nachhaltig ist und eine sehr hohe Lebensqualität bietet. Ein Viertel, das vielen Altdorfern ein neues Zuhause in der Stadt und trotzdem im Grünen bietet. Ein Vorzeigeviertel, das das Image von Altdorf steigert und unsere Stadt attraktiver macht. Ein Viertel, in dem Familien und Kinder sicher und klimafreundlich leben können und das gerüstet ist für die Herausforderungen der Zukunft. Sind wir Altdorfer dafür schon bereit? Ich hoffe es!

Christian Lamprecht